Aus Küche und Keller Kirche Wirtshaus Handwerk Alchemie und Pharmazie
Formglas 15. bis 19. Jahrhundert aus der Sammlung Birgit+Dieter Schaich
19. Mai bis 4. November 2012
Jídlo a vinárna kostel řemeslo alchymie a farmacie
Formglas 15. až 19 Století ze sbírek Birgit + Dieter Schaich
19. Květen - 4. listopad 2012
From kitchen and cellar tavern church craft alchemy and pharmacy
Formglas 15th to 19 Century from the collection Birgit + Dieter Schaich
May 19th thru November 4th 2012
Nach den Ausstellungen „Reine Formsache - Deutsches Formglas vom 15. bis 19. Jahrhundert“ 2007/2008 im Glasmuseum Hentrich in Düsseldorf und 2009 im Glasmuseum Frauenau ist dies die dritte Ausstellung mit Gläsern der Sammlung. In den vergangenen Ausstellungen lag der Schwerpunkt im Bereich des Tischgerätes - Trinkgläser, Krüge und Flaschen - in Frauenau beim Glas aus Süddeutschland. In beiden Ausstellungen fanden die Ausstellungsstücke aus Haushalt, Gewerbe und Kirche, Alchemie und Pharmazie besonderes Interesse der Besucher. Wer sah zuvor einen gläsernen Perückenständer aus dem 18. Jahrhundert oder ein Pflanzgerät aus Glas?
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Alchimistenlabor |
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Diesen bislang weniger beachteten Produkten der Glasmacher wird in der aktuellen Ausstellung besondere Berücksichtigung eingeräumt. Entsprechend wird hier nach Verwendung unterschieden, anders als zuvor, wo eine Gliederung nach Formen vorgenommen ist. Trinkgläser, Flaschen und andere Gefäße wurden vor dem 19. Jahrhundert meist nicht für eine besondere Verwendung hergestellt. Spezielle Flaschen- und Gläserformen für Wein, Bier oder Mineralwasser kamen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts in Gebrauch. Heute kennen wir unterschiedliche Formen und Farben für Weißwein- und Rotweinflaschen. Findige Hersteller von Weingläsern haben erfolgreich spezielle Formen für Burgunder, Riesling, Chardonnay und weitere Rebsorten auf den Markt gebracht. Ein Helles oder ein Weißbier wird heute in unterschiedlichen Gläsern ausgeschenkt. Viele Brauereien und Mineralquellen lassen für ihre Marke spezielle Flaschen- oder Gläserformen entwerfen. Die Sammlung wurde vor mehr als vierzig Jahren in Stuttgart begonnen und seit dreißig Jahren in München weiter ausgebaut. Zuerst wurde eher aus visuellem Anreiz und nach Gelegenheit gesammelt. Der Vorliebe für die „reine Form“ folgte zunehmend die Trennung von emailbemaltem, geschnittenem Glas und Jugendstil und die Konzentration auf das Formglas. Bis heute sind über 2.500 Glasobjekte zusammen gekommen, daraus wird hier eine Auswahl von ca. 400 bisher größtenteils noch nicht öffentlich gezeigten Stücken präsentiert.
Ausstellungen gehen vorüber, ein Katalog bleibt. So entstand auch diesmal der Wunsch, das Ergebnis der Arbeit für diese Ausstellung in einer Publikation zu dokumentieren. Der Katalog ist als Ergänzung zu dem 2007 erschienenen Hauptkatalog der Ausstellungen in Düsseldorf und Frauenau „Reine Formsache“ angelegt. Der mit über 100 Stücken umfangreichste Teil „Pharmazie und Alchemie“ ist mit wichtigen Exponaten aus der Ausstellung 2007/2009 ergänzt.
Dieter Schaich
Ohne Glas geht nichts mehr. Seit mehr als zwei Jahrtausenden ist es selbstverständlicher Begleiter unseres täglichen Lebens. Erschmolzen aus einfachsten Grundstoffen - Sand, Asche und Kalk - ist es beliebig formbar und eignet sich trotz seiner Zerbrechlichkeit für eine Vielzahl von Verwendungen - oft besser als jedes andere Material.
Solange die Gefäße und Gegenstände des täglichen Bedarfs aus Holz oder gebranntem Ton, bestenfalls aus Metall hergestellt wurden, orientierte sich ihre Gestaltung vorrangig an der Funktion und ihrem praktischen Nutzen. Wenige Grundformen genügten. Mit den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, dem Glas durch Blasen Gestalt zu geben, entwickelte sich eine neue Formkultur. Man entdeckte, dass für ein gelungenes Gefäß neben seiner Funktion noch andere, ästhetische Qualitäten entscheidend waren. Die Menschen wurden sich bewusst, dass es beim Benutzen eines Kruges oder einer Schale auch wichtig war, wie man auf deren Form reagierte, ob man sie gern zur Hand nahm. Man begann zu verstehen, dass Funktion und „Schönheit“ - wie auch immer man diese definiert -, untrennbar miteinander verbunden sind.
Niemand weiß dies besser als der Sammler von Formglas, der genau diesen Zusammenhang zu ergründen sucht und ihn ins Zentrum seiner Bemühungen stellt. Dieter und Birgit Schaich haben ihre Sache so ernst genommen wie kaum jemand sonst. Sie haben über Jahrzehnte die weltweit bedeutendste Sammlung dieser Art aufgebaut. Es sind Gläser, die in der hier ausgebreiteten sorgsamen Auswahl geeignet sind, uns die Augen zu öffnen für das Wesen und den Wert der „einfachen“ Dinge.
Dabei zeigt sich, dass die so einfach gar nicht sind. Das Zusammenwirken von Form und Funktion ist höchst komplex und war im Laufe der Jahrhunderte ständigem Wandel unterworfen. Auch fällt es heute oft schon schwer, bei einigen der Gefäße und Gerätschaften, wie sie die Ausstellung zeigt, zu ergründen, welchem Zweck sie dienten. Bei anderen stellt sich die Frage, wie sie denn wohl hergestellt wurden, wie viele davon es ursprünglich einmal gegeben haben mag oder welche Bedeutung ihnen über den praktischen Nutzen hinaus im täglichen Leben ihrer Besitzer zukam.
Dabei verblüfft die Vielfalt der Verwendungen, die über den Rahmen des täglichen Bedarfs in Haushalt, Gastgewerbe und Handwerk hinausgehen. Für die Naturwissenschaften, für Alchemie, Heilkunde und Pharmazie, die sich seit dem 15. Jahrhundert aus den mittelalterlichen Bindungen lösen, wird das Glas schon früh unver-zichtbar. Aber auch die Kirche greift gern auf seine Möglichkeiten zurück. Gläserne Gefäße werden als Lichtträger oder im mariologischen Zusammenhang zu symbolträchtigen, mit Bedeutung aufgeladenen Objekten.
Aus der Distanz einer Zeit, die sich längst daran gewöhnt hat, dass die Glasgefäße, die wir täglich in der Hand halten, im Minutentakt und zu Hunderten von Maschinen ausgespuckt werden, gewinnen die in unglaublicher Vielfalt durch die Kraft des menschlichen Atems geformten Gefäße vergangener Jahrhunderte eine neue Aus-sagekraft. Diese historische Dimension und die den Objekten deutlich ablesbare individuelle Fertigung von Hand machen zu einem großen Teil die Faszination der Gläser der Sammlung Schaich aus.
Den alten Kernsatz, demzufolge sich die Formschönheit eines Gefäßes gewissermaßen automatisch aus dessen möglichst perfekter Funktion ergibt, dürfen wir heute sicher nicht mehr allzu wörtlich nehmen. Dennoch hat sich an der engen Beziehung von Form und Funktion im Grundsätzlichen nichts geändert. Die Benutzbarkeit eines Gegenstandes ist vergleichsweise leicht zu beurteilen. Doch wie steht es mit dem Begriff der Schönheit? Inwieweit haben sich die Vorstellungen davon im Lauf der Zeit geändert? Wie sehr sind wir durch unseren persönlichen Hintergrund und unsere Erziehung geprägt und vielleicht vorbelastet?
Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, den Fragen um Form und Funktion, die gemeinhin auf den erst im 20. Jahrhundert entstandenen Begriff des Designs bezogen werden, in weiter zurückliegenden Zeiten nachzuspüren. Dabei zeigt sich, dass gerade die vorgeblich einfachen Dinge oft die erstaunlichsten Antworten bereithalten.
Quellen:
Schaich Dieter / Baumgartner Erwin - Reine Formsache, Deutsches Formglas 15. bis 19. Jahrhundert
Sammlung Birgit+Dieter Schaich, München / Berlin 2007,
Schaich Dieter - Glas des Alltags - Formglas aus der Sammlung Birgit+Dieter Schaich, München 2011